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STRÖSSENDORF

Fast 460 Jahre für Seelsorge in Strössendorf zuständig

Fast 460 Jahre für Seelsorge in Strössendorf zuständig
Unter Federführung von Pfarrer Adolf Müller wurden 1951 für die Strössendorfer Kirche drei neue Glocken angeschafft. Seit Ende der 1990-er Jahre schmücken die stählernen Klangkörper öffentliche Plätze in drei Ortschaften der Kirchengemeinde. 300 Kilogramm wiegt die Glocke mit der Inschrift „Liebe“ (Bild), die den Widencer Platz in Weidnitz ziert. Foto: Bernd Kleinert

Die Mutterpfarrei Strössendorf gehört zu den ältesten evangelischen Kirchengemeinden am Obermain. Viele Pfarrer kamen und gingen, und jeder hat auf seine Weise das Pfarrdorf geprägt. Von den Hobbys einiger Geistlicher profitierte das gesamte Obermaintal und sogar die Wissenschaft. 459 Jahre ist es her, dass in dem kleinen Ort am Ufer des Mains der erste protestantische Seelsorger einzog und der Pfarrsitz gegründet wurde.

Man schrieb das Jahr 1561, als die Herren von Schaumberg für die Strössendorfer Kirche erstmals einen Prädikanten beauftragten. Als Gehalt erhielt der Geistliche die Einkünfte aus der Marschalkstiftung. Über die vielen Seelsorger, die während der viereinhalb Jahrhunderte in Strössendorf Dienst taten, berichten die Kirchenbücher nur unvollständig.

Wertvolle archäologische Funde auf Görauer Anger gemacht

Als Hobby-Archäologe hat sich Pfarrer Georg Vollrath, der von 1874 bis 1882 am Obermain wirkte, einen Namen gemacht. Um das Jahr 1880 nahm der Geistliche auf dem Görauer Anger Ausgrabungen vor und machte dabei wertvolle Funde. Zu den bedeutendsten zählt das von ihm freigelegte Grab samt Beigaben aus der älteren Eisenzeit, der sogenannten Hallstattzeit. Pfarrer Vollrath übergab seine Funde der Prähistorischen Staatssammlung in München, die sich seit dem Jahr 2000 Archäologische Staatssammlung nennt.

Selbstverständlich hat sich der Seelsorger auch auf kirchlichem Gebiet verdient gemacht. Er gründete aus privaten Beständen für die Strössendorfer Schule eine Bibliothek, die von Pfarrer Hoffmann ausgebaut wurde. Pfarrer Julius Küspert (1890 bis 1897) übergab die Bibliothek dem Kantor, um sie den Schülern besser zugänglich zu machen.

Pfarrer Hermann Gutgesell (1897 bis 1916) holte die Bücher wieder ins Pfarrhaus und machte daraus eine Volksbibliothek. 1901 rief der Geistliche in den Kirchengemeindeteilen Burgkunstadt und Altenkunstadt Geselligkeitsvereine ins Leben.

Pfarrer Hermann Gutgesell war ein leidenschaftlicher Gärtner

Verdient gemacht hat sich Pfarrer Gutgesell auch um den Kreisverband für Gartenbau und Landespflege Lichtenfels. Der leidenschaftliche Hobbygärtner zählte nicht nur zu den Initiatoren des „Bezirks-Obstbauverbandes Lichtenfels“, so wie er ursprünglich hieß. Bei der Gründungsversammlung am 12. Juli 1908 wurde Gutgesell sogar zum Vorsitzenden gewählt. Als Gründungsvorsitzender ist er in die Geschichte des 112 Jahre alten Kreisverbands eingegangen. In Strössendorf rief der Geistliche einen Obst- und Gartenbauverein ins Leben. Die 119 Gründungsmitglieder wählten ihn ebenfalls zum Vorsitzenden.

Ein langes und bedeutendes Stück Kirchengeschichte schrieb Pfarrer Adolf Müller, der 24 Jahre lang in Strössendorf tätig war. Am 6. Januar 1937 wurde der Seelsorger durch Dekanatsverweser Pfarrer H. Friedrich aus Lichtenfels in der Sankt-Katharina-Kirche in sein Amt eingeführt. Hauptaufgabe des neuen Geistlichen war es, das kirchliche Leben in der zu Strössendorf gehörenden Tochterkirchengemeinde Burgkunstadt aufzubauen. Allerdings wurde seine seelsorgerische Bewegungsfreiheit durch die Nazi-Diktatur stark eingeschränkt. Der Zweite Weltkrieg brachte zusätzliche Belastungen in Form von Läutverbot, Einberufung vieler Mitarbeiter, Ablieferung der Glocken und Betreuung der Evakuierten. 1942 wurde Pfarrer Müller selbst eingezogen.

Für Kirchen in Burgkunstadt und Strössendorf gab es neue Glocken

Nach Kriegsende leitete der Geistliche die Instandsetzung der Strössendorfer Kirche in die Wege, der bald eine große Renovierung folgen sollte. Für die Gotteshäuser in Burgkunstadt und Strössendorf wurden neue Glocken angeschafft. Der kircheneigene Friedhof wurde unter Müllers Regie in Terrassen unterteilt. Höhepunkt im Wirken des Geistlichen war die Erhebung der Tochterkirchengemeinde Burgkunstadt zur selbstständigen Pfarrei.

In der verbleibenden Kirchengemeinde Strössendorf wurde das Pfarrhaus umgebaut und die Errichtung einer Leichen- und Aussegnungshalle auf dem Gottesacker in Angriff genommen. Auch die neue Heizung in der Dorfkirche war der Initiative des Geistlichen zu verdanken. In der Teilgemeinde Altenkunstadt leitete Müller die Planung und den Bau einer eigenen Kirche mit Gemeinderäumen in die Wege. Fürsorglich kümmerte sich der Seelsorger um die vielen Flüchtlinge. Ihr Wohl und ihre behutsame Eingliederung in die Kirchengemeinde lagen ihm sehr am Herzen.

1961 verließ Pfarrer Adolf Müller Strössendorf und übernahm die Kirchengemeinde Melkendorf im Landkreis Kulmbach. Dort starb er am 15. Mai 1973 im Alter von erst 63 Jahren. Am Abend vor seinem plötzlichen Tod kam der Geistliche noch einmal in seine frühere Kirchengemeinde, um an einer Muttertagsfeier der evangelischen Frauenhilfe Altenkunstadt im neuen Kreuzberg-Gemeindezentrum teilzunehmen.

Pfarramt seit 1971 in Altenkunstadt

Adolf Müllers Nachfolger in Strössendorf war Pfarrer Leonhard Meyer. Während seiner 20-jährigen Amtszeit entstanden in Altenkunstadt nicht nur eine moderne Kirche und ein geräumiges Gemeindezentrum, sondern auch ein neues Pfarrhaus. Auf Anordnung des evangelischen Landeskirchenrats in München wurde daraufhin im Oktober 1971 das Pfarramt und damit auch der Pfarrsitz von Strössendorf in den Nachbarort verlegt.

Von Bernd Kleinert

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