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BURGKUNSTADT

Die Iglauers: Geschichte einer jüdischen Familie

Die Iglauers: Geschichte einer jüdischen Familie
Lotte Reinhold und Evi Iglauer auf einer Kreuzfahrt 2018. Foto: red

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – dieses Jubiläum wird heuer bundesweit mit verschiedendsten Veranstaltungen und Veröffentlichungen begangen. Die 1700 Jahre beinhalten auch 700 Jahre jüdische Geschichte am Obermain. Und obwohl hier vor 80 Jahren das jüdische Leben erlosch, gibt es immer noch Geschichten aus dieser Zeit, über die berichtet werden muss, zum Beispiel aus Burgkunstadt.

Als im Frühjahr 2017 im Landratsamt Lichtenfels Führerscheine jüdischer Bürger gefunden wurden und ein Jahr später Schüler des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels mit einer großen Ausstellung ihre Recherchen über deren Besitzer präsentierten, war Evi Iglauer traurig, dass von ihrem Vater kein Führerschein gefunden werden konnte - er hatte keinen. Er hatte einen Chauffeur.

In den 1920er und 1930er Jahren, als die Dokumente ausgestellt wurden, war es fast noch eher die Ausnahme als die Regel, einen Führerschein zu besitzen, selbst für Geschäftsleute. Und natürlich ist auch ohne Führerschein eine Lebensgeschichte erzählenswert, besonders, wenn die Erzählerinnen als einzige ehemalige Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Burgkunstadt noch aus eigenem Erleben über die NS-Zeit und ihre Folgen berichten können.

Als Kinder den Faschismus erlebt

Lotte Reinhold, geborene Iglauer, und ihre jüngere Schwester Evi Iglauer wurden in Burgkunstadt geboren und leben in New York. Sie waren zehn und sechs Jahre alt, als die Familie Deutschland verließ, in einem Alter also, in dem man schon eigene Erinnerungen sammelt und sich an ein so einschneidendes Erlebnis wie die Auswanderung gut erinnern kann. Auch Gespräche und Erzählungen der Eltern dürften dazu beigetragen haben.

Der Name Iglauer ist untrennbar mit der Burgkunstadter Schuhindustrie verbunden. Carl Iglauer (1856 bis 1935) gründete 1893 eine Schuhfabrik, die zweite, nachdem Josef Weiermann 1888 seine „erste mechanische Schuhwerkstätte“ eingerichtet hatte. 1906/07 zog man in das große Haus in der Lichtenfelser Straße 18. Im daneben errichteten Farikgebäude wurden zunächst Stoffschuhe verschiedener Art angefertigt, ab 1921 unter dem Namen „Hochland“ Herrenstiefel, dann auch Damenschuhe.

1933 feierte das Unternehmen sein 40-jähriges Bestehen. Carl Iglauer starb 1935. Er ist, ebenso wie seine Ehefrau Flora, geborene Hahn (1863 bis 1931), auf dem jüdischen Friedhof bei Burgkunstadt beigesetzt. Die Firma leitete jetzt ihr Sohn Stephan (1891 bis 1954). Stephan Iglauer war verheiratet mit Bianka, geb. Silbermann (1902 bis 1958). Das Paar hatte die beiden Töchter Lotte und Evi.

Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung

Bei der Übernahme des Unternehmens wird Stephan Iglauer schon klar gewesen sein, auf was für Schwierigkeiten er stoßen würde, die Ausgrenzung und Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung war schon in vollem Gange. Einige Quellen meinen, er hätte schon 1936 die Produktion eingestellt. Eher hat er wohl versucht, den Betrieb zu verkaufen, jedoch ohne Erfolg.

Fest steht, dass die Fabrik spätestens Ende 1938 geschlossen wurde. Letzte Kündigungsschreiben an die Belegschaft aus dem Dezember 1938 zeigen das: Als Entlassungsgrund wird angegeben, dass man die Firma „nicht arisieren konnte“, das heißt nicht verkaufen konnte.

Als ehemaliger Frontkämpfer wieder entlassen

In der Pogromnacht im November 1938 wurde Stepan Iglauer verhaftet – von seinem eigenen Chauffeur. Zusammen mit anderen jüdischen Männern aus Burgkunstadt wurde er in Hof interniert, aber nach drei Wochen entlassen, weil er als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg Auszeichnungen erhalten hatte. Man legte ihm sehr deutlich nahe, Deutschland möglichst schnell zu verlassen.

Er ging nach München, wo Ehefrau und Kinder schon seit dem Frühjahr 1938 lebten. Die Töchter waren in der Schule Zurücksetzungen ausgesetzt gewesen, mussten allein in der letzten Bank sitzen, durften nicht mehr mit anderen Kindern spielen. In München besuchten die Mädchen eine jüdische Schule.

Die Iglauers: Geschichte einer jüdischen Familie
Stephan Iglauer vor der Schuhfabrik um 1930. Foto: red

Bianka Iglauer hatte zu der Zeit schon begonnen, die Auswanderung nach Amerika vorzubereiten, sie stellte einen Antrag auf Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Das war mit hohen Hürden verbunden. Sie brauchte einen Bürgen in den Staaten, der sich verpflichtete sicherzustellen, dass die Neuankömmling dem Staat nicht auf der Tasche liegen würden.

Zuerst nach England geflohen

Außerdem ließen die USA damals nur eine bestimmte Anzahl Juden pro Jahr ins Land, und man musste warten, bis man an der Reihe war. 1939 verließ die Familie Iglauer Deutschland in Richtung England, um dort die Wartezeit zu verbringen.

Auch eine Ausreise aus Deutschland war damals nicht einfach. Voraussetzung war, dass man Steuern, Abgaben, Gebühren bezahlte: Eine Sühneabgabe, die Reichsfluchtsteuer, einen Beitrag für die Reichsvereinigung der Juden usw. Wer alles bezahlt hatte, war meist um ein Vermögen ärmer, wenn er denn eins gehabt hat. Mitnehmen konnte man in der Regel seinen Hausrat, allerdings ohne Wertgegenstände, zum Beispiel Silberbesteck, Schmuck oder Kunstgegenstände. Es war praktisch unmöglich geworden, außer einem geringen Barbetrag Geld ins Ausland mitzunehmen. Die Iglauers konnten nur für jeden einen Koffer mitnehmen, der Hausrat war in Belgien für den Transport in die USA eingelagert. In London waren sie auf finanzielle Hilfe von Verwandten in Amerika angewiesen.

1940 erreicht die Familie New York

Nach einer neunmonatigen Wartezeit wurde die Einwanderung der Familie genehmigt und im Juni 1940 traf die Familie in New York ein. Inzwischen hatte der 2. Weltkrieg begonnen. Ende Mai 1940 besetzten die Deutschen Belgien, und damit war der eingelagerte Hausrat der Familie verloren. Außer einem Koffer für jeden hatten sie nichts mehr. Den Sommer 1940 verbrachten sie auf der Farm eines Verwandten, im Herbst zogen sie nach Middletown, NY, nördlich von New York, wo die Eltern Arbeit fanden. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik, in der sie Handtaschen nähte, der Vater wurde Lagerist in einer Fabrik für Leibwäsche.

Das Einkommen dürfte schmal gewesen sein, so dass eine höhere Schulbildung für die Töchter schwer zu finanzieren war. Lotte Iglauer machte einen sechsmonatigen Sekrtärinnenkurs und arbeitete als Schreibkraft und Sekretärin in New York, verdiente also bald ihr eigenes Geld. Nach ihrem Umzug mit ihrem Ehemann nach New York fand sie eine Anstellung als Sekretärin in der Sozialbehörde der Stadt. Dort machte sie eine beeindruckende Kariere. Sie wurde recht bald Sachbearbeiterin für Unterhaltsleistungen und beendete ihre Berufsleben als Abteilungsleiterin in der Behörde, eine Position, für die später ein Studium Voraussetzung wurde.

Collegestipendium gewonnen

Evi Iglauer gewann ein Collegestipendium. Etliche Jahre arbeitete sie als Schulbibliothekarin und Lehrerin, bis sie im Abendstudium ein Jurastudium begann. Sie gab den Schuldienst auf und wurde Rechtsanwältin und schließlich Richterin. Erst vor ganz wenigen Jahren endete ihr Arbeitsleben.

Die Eltern fanden nur schwer in das neue Leben in Amerika. Ein Hindernis war natürlich die Sprache, die sie nie lernten flüssig zu beherrschen - sie kamen zurecht. Auch sonst war es schwierig für sie. Stephan Iglauer scheint über die Demütigung der Verhaftung, den Verlust seines Lebens in Deutschland und über den Schock der erzwungenen Auswanderung nie hinweggekommen zu sein. Er sei nie wieder wie vor der Auswanderung gewesen, sagen die Töchter. Stephan Iglauer blieb bei der Arbeit in der Fabrik. 1954 starb er an einem Herzanfall.

Die Iglauers: Geschichte einer jüdischen Familie
Familie Iglauer um 1937. Foto: red

Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter nach New York, wo beide Töchter wohnten. Sie verstarb 1958. Trotz des Leids und der Schicksalsschläge, die die Schwestern Iglauer schon in jungen Jahren erfuhren, blieb ein Interesse an Deutschland bestehen. Man sollte jedoch nicht der Selbsttäuschung erliegen, als sei das Erlebte vergeben oder gar vergessen. Das kann es niemals sein.

Evi reiste viel und kennt Deutschland gut. 1957 besuchte sie zum erstenmal ihre Geburtsstadt Burgkunstdt. Sie wollte wissen, woher sie kam. Während dieses Aufenthalts wohnte sie bei einer alten Freundin der Familie, Clothilde Gebhardt, der einzigen Jüdin in Burgkunstadt, die der Deportation nach Polen entgehen konnte, weil ihr Ehemann Christ war. Auch das frühere Kindermädchen der Iglauers, Babette, lebte noch, und Evi nahm wieder Kontakt zur ihr auf.

Schustermuseum überzeugt Evi Iglauer

2010 war Evi ein zweites Mal hier. Sie besuchte das Schustermuseum und war hoch erfreut darüber, wie hervorragend die Geschichte der Schuhfabrik ihres Großvaters dokumentiert war. Natürlich besuchte sie die Gräber ihrer Großeltern. Und ein Besuch im Café Besold durfte nicht ausgelassen werden. Dort hatte sich ihre Mutter mit ihren Freundinnen zum Karten spielen getroffen.

Im November 2014 waren beide Schwestern in Burgkunstadt, um Stolpersteine für ihre Familie legen zulassen – vor dem alten Wohnhaus. Das Fabrikgebäude gehört heute einer Möbelfabrik und dient als Ausstellungsraum. Die Besitzer hatten das historische Wissen und das Feingefühl, das Haus „Schuhfabrik“ zu nennen. Die Schwestern waren dankbar und sehr erfreut darüber. Und wieder ging es zum Café Besold.

Die Schwestern Iglauer leben in New York, genauer in Queens, und in ihrem Wochenendrefugium auf Long Island. Sie haben in den vergangenen Jahren etliche Kreuzfahrten gemacht, in die Karibik und nach Europa. Dann kamen gesundheitliche Einschränkungen und zum Schuss Covid 19. Alle weiteren Pläne, unter anderem für einen weiteren Besuch in Deutschland, wurden so zunächst zunichte gemacht. Es ist den Schwestern zu wünschen, dass sie zu ihrer alten Unternehmungslust zurückkehren und weiter ihre Reisen genießen können.

INGE GOEBEL

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