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Der lange Weg der evangelischen Christen zur eigenen Kirche

Der lange Weg der evangelischen Christen zur eigenen  Kirche
In Weismain feierten evangelische Christen im Amtsgericht Gottesdienst, in Burgkunstadt taten sie es im Rathaussaal. In Altenkunstadt versammelten sich die Gläubigen 17 Jahre lang in einem Klassenzimmer der Volksschule (Bild) zum gemeinsamen Gebet. Foto: red

Burgkunstadt/Altenkunstadt/Weismain

Die evangelischen Christen in Burgkunstadt, Altenkunstadt und Weismain besitzen zur Abhaltung ihrer Gottesdienste drei schöne Kirchen, die den Andachten einen würdigen Rahmen verleihen. Dies war jedoch nicht immer so. Noch oft erinnert man sich in den Gemeinden an die Zeit, als Sonn- und Feiertagsgottesdienste in behelfsmäßigen Räumen und unter einfachsten Bedingungen gefeiert wurden.

Die Geschichte der evangelischen Gemeinde in Weismain beginnt am 25. Oktober 1902, als dem einzigen protestantischen Verein im Jurastädtchen ein Raum im Erdgeschoss des Amtsgerichtsgebäudes überlassen wurde. Die Gläubigen richteten sich dort einen Betsaal ein. In der Pfarrchronik der Kirchengemeinde Buchau, zu der Weismain gehört, schreibt Pfarrer Neubig: „Durch hohe Oberkonsistoriale Entschließung wurde genehmigt, dass in Weismain alljährlich an katholischen Feiertagen zwölf evangelische Gottesdienste gehalten werden dürfen.“

Geselligkeitsverein als Ursprung des evangelischen Gemeindelebens

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs mit dem Flüchtlingsstrom die Zahl der Protestanten in der Jurastadt stark an. Nachdem der Betsaal ab 1946 zu klein geworden war, stellte die katholische Pfarrgemeinde den evangelischen Mitchristen ihre Kreuzkapelle für Gottesdienste zur Verfügung. In den 1950-er Jahren begannen die Vorbereitungen für den Bau eines eigenen Gotteshauses. Am 11. September 1960 wurde die evangelische Christuskirche in Weismain feierlich eingeweiht. Das schmucke Gotteshaus wird heuer 60 Jahre alt.

Der Ursprung der evangelischen Gemeinde in Burgkunstadt reicht zurück bis 1901, als Hans Weber einen Geselligkeitsverein ins Leben rief. Am zweiten Weihnachtstag 1923 hielt Pfarrer Kaeppel von der alten Mutterpfarrei Strössendorf, zu der Burgkunstadt gehörte, im Saal des Rathauses den ersten evangelischen Gottesdienst. Sonntags versammelten sich die Gläubigen dort zum gemeinsamen Gebet. Da die Zahl der evangelischen Christen kontinuierlich wuchs, war jedoch klar, dass dies nur ein Provisorium sein konnte. Schon 1926 machten sich die Protestanten auf die Suche nach einem Bauplatz für ein Gotteshaus. Mit der Einweihung der Christuskirche am 21. Oktober 1935 – sie feiert heuer „85. Geburtstag“ – konnte der Rathaussaal als Gebetstätte aufgegeben werden.

Der lange Weg der evangelischen Christen zur eigenen  Kirche
Die Weismainer Christuskirche wird heuer 60 Jahre alt, „85. Geburtstag“ feiert die Christuskirche in Burgkunstadt. Die Einweihung der Altenkunstadter Kreuzbergkirche (Bild), dem jüngsten Gotteshaus unter den evangelischen Sakralbauten am Obermain, jährt sich 2021 zum 50. Mal. Foto: Bernd Kleinert

Die evangelische Gemeinde in Altenkunstadt wuchs vor allem mit dem Flüchtlingsstrom nach dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem bereits 1901 der Strössendorfer Pfarrer Hermann Gutgesell in Altenkunstadt einen Geselligkeitsverein gegründet hatte, beantragte der Kirchenvorstand der alten Muttergemeinde 1954 bei der Gemeinde Altenkunstadt die Überlassung eines Klassenzimmers in der Volksschule für Gottesdienst. Bald darauf hielt der Strössendorfer Pfarrer Adolf Müller den ersten Sonntagsgottesdienst dort.

Das Lehrerpult diente als Altar, der Physikraum als Sakristei

Die Einrichtung war schlicht. Als Sitzgelegenheiten dienten die Stühle der Kinder, die unter der Woche dort unterrichtet wurden. Als Altar benutzte man das mit einer weißen Decke, zwei Kerzen und einem Kreuz geschmückte Lehrerpult. Der angrenzende Physikraum diente als Sakristei. Die 1961 gegründete evangelische Frauenhilfe schaffte ein Harmonium zur Begleitung des Gemeindegesangs an. Die Gesangbuchnummern der Lieder schrieb der Pfarrer mit Kreide an die Tafel. Für den Mesnerdienst stellte sich der Hausmeister der Volksschule, Richard Schmitt, zur Verfügung.

Doch im Klassenzimmer wurde nicht nur Gottesdienst gefeiert. Auch der Präparanden- und Konfirmandenunterricht, Bibelstunden und Gemeindeabende fanden dort statt. Aus allen Nähten zu platzen drohte das Schulzimmer beim letzten Gottesdienst am 26. September 1971. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nahmen die Gläubigen zusammen mit Gemeindepfarrer Leonhard Meyer Abschied von ihrer Gottesdienststätte, die ihnen trotz aller Schlichtheit zu einem Stück religiöser Heimat geworden war. Zwei Wochen später, am 10. Oktober, wurde die evangelische Kreuzbergkirche mit Gemeindezentrum und Pfarrhaus feierlich eingeweiht.

Nächstes Jahr wird das 50-jährige Bestehen der Kreuzbergkirche gefeiert

Zehn Jahre lang hatten die Altenkunstadter Protestanten für ihr Gotteshaus gespart. 2021 feiern sie das 50-jährige Bestehen ihrer Kirche. „Das ganze Jahr über soll unser Gotteshaus mit kreativen, musikalischen und festlichen Highlights im Mittelpunkt stehen“, verrät Pfarrerin Bettina Beck. Das Klassenzimmer, in dem einst gebetet und gesungen wurde, beherbergte später den Computerraum der Grundschule.

 

Von Bernd Kleinert

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