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WEISMAIN

Dekan Otto-Grasmüller rettete Weismain 1945 vor Zerstörung

Dekan Otto Grasmüller rettete Weismain 1945
Dekan Otto Grasmüller als Pfarrer bei einer Feier am Kriegerehrenmal in Weismain. Foto: Roland Dietz

Es ist noch nicht lange her, dass die beiden katholischen Dekanate Coburg und Lichtenfels zum neuen Dekanat Coburg vereint wurden. Lars Rebhan, Pfarrer aus Marktgraitz, hatte das Amt von seinem Vorgänger Michael Schüpferling 2017 für das vorhergehende Dekanat Lichtenfels übernommen und wurde im Herbst 2019 auch zum Dekan des neu entstandenen Dekanates gewählt. Etwas in Vergessenheit geraten ist dabei, dass Weismain einst Sitz des Dekanats Weismain war.

Die Gründung 1826 war sicherlich auch eine Folge der Säkularisierung in den Jahren 1802 und 1803, schlossen sich doch Pfarreien nach der Trennung von Kirche und Staat zu derartigen Dekanaten zusammen. Ein Dekanat ist ursprünglich das Amt oder der Bezirk eines Dekans von mindestens zehn Pfarreien und so der Begriff für eine kirchliche Verwaltungseinheit.

Schon in früheren Zeiten verstanden sich Christen als eine Gemeinschaft. Um in größeren Regionen besser Kontakt miteinander halten zu können, entwickelten sich dort Gemeinschaften, die sogenannten Dekanate. Die Verantwortung für deren Zusammenhalt lag beim Bischof, der die größte christliche Gemeinde, das Erzbistum, leitete, das in mehrere Dekanate aufgeteilt war.

Nach der Reformation war die Hälfte der Pfarreien protestantisch

Dekan Otto Grasmüller rettete Weismain 1945
Pfarrer und Dekan Andreas Rauch bei einem Fest mit Andacht in Weismain. Foto: Roland Dietz

Das 1007 gegründete Bistum Bamberg war zunächst nur in Pfarreien untergliedert. Mit Bischof Otto I. (1002-1139) wurde es in Bezirke, sogenannte Archidiakonate, aufgeteilt. Durch die Reformation wurde jedoch mehr als die Hälfte aller Pfarreien protestantisch. Nachdem es viele dieser Archidiakonate nicht mehr gab, wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts in dem katholisch gebliebenen Bistum Bamberg nach alten Vorbild neue Bezirke gebildet, die Dekanate.

Die Region um Lichtenfels gehörte seit dem 17. Jahrhundert zum Landkapitel Kronach. Obwohl es 1745 aufgeteilt wurde, blieben die Entfernungen für einen Zusammenhalt zu groß. Daher teilte Fürstbischof Christoph Franz von Buseck (1724-1805) das Bistum Bamberg in acht kleinere Landkapitel auf. Somit wurde der 15. November 1795 zum Gründungstag des Dekanates Lichtenfels.

Dekan Otto Grasmüller rettete Weismain 1945
Die Pfarrkirche Sankt Martin in Weismain diente lange Zeit auch als Dekanatskirche. Foto: Roland Dietz

Das Hochstift Bamberg wurde ab 1802 säkularisiert. Bei der Dekanatsneueinteilung der Erzdiözese Bamberg 1826 wurden viele Pfarreien zusammen mit der neu errichteten katholischen Pfarrei Coburg dem Dekanat Lichtenfels zugeordnet. Nur die Pfarreien Marktgraitz und Marktzeuln gelangten zunächst ans Dekanat Kronach. Zum Ausgleich seiner Größe wurde das Dekanat Lichtenfels um das neu errichtete Dekanat Weismain verkleinert. Der Zweck war die Verbesserung der Kommunikation und die Möglichkeiten, in Zusammenschlüssen besser arbeiten zu können.

Außer der Pfarrei Weismain gehörten die Pfarreien Altenkunstadt, Burgkunstadt, Mainroth, Modschiedel, Arnstein, Isling, Kirchlein, Motschenbach und die Kurtie Maineck zum Weismainer Dekanat. Zum ersten Dekan des neuen Pfarrkapitels, also Vorsteher aller Geistlichen der einzelnen Pfarreien wurde der Altenkunstadter Pfarrer Norbert Benkert (1765-1834) gewählt.

Weil Grasmüller gegen die Rassenlehre predigte, kam er in Haft

Dekan Otto Grasmüller rettete Weismain 1945
Die auf Initiative von Andreas Rauch entstandene Mariengrotte im Bärental. Foto: Roland Dietz

Wer in den kirchlichen Archiven des Dekanats Weismain forscht, wird immer wieder auf Pfarrer Dr. Otto Grasmüller treffen. Er wurde 1898 in Nürnberg geboren. 1921wurde er in Bamberg von Erzbischof Jacobus von Hauck zum Priester geweiht. Nach Stellen als Kaplan bekam er 1928 ein Benefiziat in Kronach. Nebenbei ging Otto Grasmüller seinen wissenschaftlichen Neigungen nach, studierte an der Universität in Erlangen Altphilologie und promovierte 1933 zum Doktor der Philosophie.

Mit seinen Predigten legte er sich mit den Nationalsozialisten an, die ihn mit sogenannter Schutzhaft und Gefängnis bestraften. Er hatte sich kritisch mit der Rassenideologie des NSDAP-Ideologen Alfred Ernst Rosenberg auseinandergesetzt, der versuchte, die Vorstellung von einer „Rassenseele“ sowie einer „Religion des Blutes“ zu einem politischen und religiösen Glaubenskonzept zu verbinden.

Dekan Otto Grasmüller rettete Weismain 1945
Der frühere Weismainer Pfarrer und Dekan Otto Grasmüller. Foto: Roland Dietz

Um den jungen Mann aus der Schusslinie der Nazis zu nehmen, wurde er 1937 in seine erste Pfarrerstelle nach Weismain versetzt. Zunächst unterstützte er die vom Schuldienst suspendierten „Armen Schulschwestern.“ In der Pfarrkirche Sankt Martin baute er 1943 eigenhändig die sogenannte „Kriegsorgel“ ein, die erst 1990 ausgetauscht wurde. Neben seinen seelsorgerischen Tätigkeiten brachte er sich während des Zweiten Weltkriegs in der Jurastadt ein, wo er nur konnte. Pfarrer Grasmüller wurde von den Klerikern des Dekanats Weismain 1944 zum Dekan gewählt und vom Bamberger Erzbischof Joseph Otto Kolb mit Wirkung zum 1. April 1944 ernannt.

Als 1945 die Amerikaner anrückten, organisierte er die Übergabe

Pfarrer Otto Grasmüller bewies gerade zur Kriegszeit Mut und Zivilcourage. Als im April 1945 unbelehrbare Fanatiker Panzersperren gegen die aus Burgkunstadt anrückenden Amerikaner errichten wollten, schritt er ein und ließ weiße Fahnen am Rathaus und am Kirchturm aufziehen. „Schießt ihn runder, den Pfaffen!“, brüllte ein immer noch vom Endsieg träumender Bürger, der mit einer Pistole Mesner Julius Scheder bedrohte. Nur durch Zureden und Einschreiten von Pfarrer Otto Grasmüllers ist nicht Schlimmeres passiert. Grasmüller stellte sich vor den Mesner und beschwichtigte mit den Worten „Lass den Messner, erschieße mich dafür.“ Alles ging dann gut aus. Zusammen mit Bürgermeister Jakob Kraus und Schwester Juliane regelte er die Übergabe der Stadt mit den ankommenden Amerikanern. Dank seines beherzten Eingreifens hat er Weismain vor einer Katastrophe bewahrt.

Nach Kriegsende kümmerte er sich um den Wiederaufbau. So wurden nicht zuletzt durch sein Wirken der Kindergarten im Kastenhof und geordnete Schulverhältnisse wieder eingerichtet. Großzügig unterstützte er dies auch finanziell. Außerdem nahm er positiven Einfluss auf das Leben in der Stadt. Das Kolpingshaus, die Rückführung der Kirchenglocken und die Sankt-Martinssiedlung sind mit seinem Namen verbunden. Gewidmet wurde ihm die Dr.-Otto-Grasmüller-Straße. Zu seinem 25-jährigen Priesterjubiläum erhielt er das Ehrenbürgerrecht. Der Beiname vom „Kleinen Diktator“ war eher respektvoll gemeint. 1956 wechselte er nach Burgkunstadt, wo er das Priesteramt bis 1968 ausübte. Genau so lange blieb er in seinem Amt als Dekan.

Danach fungierte der vormalige Pfarrer von Modschiedel Andreas Rauh, der seit 1956 Stadtpfarrer von Weismain war, von 1968 bis 1974 als Dekan. Auch er setzte mit der Neugründung der Jugendblaskapelle der Kolpingfamilie zusammen mit Paul Lawatsch einen nachhaltigen Akzent. Auch die Mariengrotte im Bärental, die viele Christen, Wanderer und Ausflügler besuchen, entstand durch sein Wirken.

Auch im Dekanat waren Grasmüller und Rauh während ihrer Amtszeit tragende Säulen des kirchlichen Lebens. Auf die Zusammenarbeit mit den übrigen Pfarrstellen legte Otto Grasmüller großen Wert. Etwa bei Treffen mit dem Burgkunstadter Pfarrer Johannes Kist, der ab 1952 als Archivpfleger des Bistums für die Dekanate Lichtenfels, Stadtsteinach und Weismain fungierte. Auch der Kontakt mit Bamberger Weihbischoff Arthur Michael Landgraf war intensiv. Er ließ den Weihbischof von der Familie Kraus chauffieren, wenn es mit der Anreise einmal nicht so klappte und zusammen rauchten sie so manche Zigarre.

Vom Dekanat Weismain wurde das Konventiat (Zusammenkunft mit kollegialem Austausch) aller Kleriker des Dekanats eingeführt und organisiert. Darüber hinaus die Firmung und die Visitation der Pfarreien des Dekanats sowie die Amtseinführung neuer Pfarrer.

Bei der Neueinteilung 1974 wurde das Dekanat Weismain aufgelöst

Die Neueinteilung 1974 war gleichzeitig auch das Ende des Dekanates Weismain. Die Zahl der Dekanate des Erzbistums Bamberg wurde von 24 auf 21 reduziert. Die Neueinteilung war zwar eine kirchliche Angelegenheit, doch ist ein Zusammenhang mit der beginnenden Gebietsreform naheliegend. Nähere Hintergründe sind aber nicht bekannt.

Im Mittelpunkt des Wirkens des jetzigen Dekans Lars Rebhan für das Dekanat Coburg und den Dekantsausschuss steht die Vertretung der Ehrenamtlichen und Gremien im Dekanat. Ihm gehören neben dem Dekan aus jedem Seelsorgebereich Delegierte an. An einer Beschreibung der Aufgaben des Ausschusses wird ständig in der Diözese gearbeitet. Darüber hinaus kümmert sich der Dekantsausschuss um die Gestaltung und Durchführung der jährlichen Dekanatswallfahrt im Frühjahr und der Fußwallfahrt nach Vierzehnheiligen im September. „Ich möchte unser neues Dekanat Coburg als eine Gemeinschaft verstehen, die sich um das Kreuz Christi versammelt, und doch mit ihrer jeweiligen Eigenschaft, dem nötigen Selbstbewusstsein in den katholischen Gemeinden in den Seelsorgebereichen einbringt“ sagte Lars Rebhan bei seiner Einführung. Verbunden solle dies sein mit den stark der katholischen Tradition der Gebiete im Gottesgarten, im Jura, am Obermain und den von der Diasporasituation geprägten Gebieten im Coburger Land, sagte Lars Rebhan bei seinem Amtsantritt weiter.

Von Roland Dietz

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