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BURGKUNSTADT

Stummfilm-Klassiker bei den Kultursonntagen in Burgkunstadt

Stummfilm-Klassiker bei den Kultursonntagen in Burgkunstadt
Richard Siedhoff ist eine der wenigen Meister seines Fachs, die frühe amerikanische Stummfilme am Klavier zu begleiten wissen. Foto: Corinna Tübel

Ohne Ton, dafür mit grandioser Klavierbegleitung präsentierte der Kultursonntag in der Alten Vogtei Burgkunstadt vier Kurzfilmklassiker von Charlie Chaplin und Buster Keaton. Auch heute noch gelingt es den Regisseuren, Stimmungen durch Mimik und Gestik zu vermitteln. Das Tempo jedoch hat es in sich.

Bereits zum dritten Mal war er zu Gast in der Alten Vogtei: Richard Siedhoff, der wohl wie kaum ein anderer einem Publikum die Welt der frühen Kurzfilme näher bringen kann. Am Klavier begleitete er am Sonntagabend vier Kurzfilmklassiker aus der Slapstickschmiede des noch stummen Hollywoods. Trotz Sturmwarnung war der Saal voll besetzt, es wurden gar noch Stühle im Foyer platziert.

„Es gibt tatsächlich auch wunderschöne frühe Filme mit Sturm von Keaton, aber die habe ich nicht dabei“, eröffnete Richard Siedhoff lächelnd den Abend. Dafür tauchte ein bunt gemischtes Publikum, bestehend aus Laien und Filminteressierten, aber auch Kindern, in die Blütezeit der Kurzfilmproduktion ein.

Charlie Chaplin: Ein Klassiker mit Klasse

Zwar kannten viele Besucher wohl die kleine, tollpatschige Gestalt des Charlie Chaplin mit seinem markanten Bärtchen und dem watschelnden Gang. Vielen wurde jedoch die große schauspielerische Klasse etwa erst durch den Film „The Immigrant“ aus dem Jahr 1917 bewusst. Chaplin, der das verkörperte Schicksal am eigenen Leib erfuhr, spielt einen Immigranten, dem zunächst auf einem Schiff nach Amerika als auch später im Restaurant viele Missgeschicke passieren. Schon auf dem Dampfer wirft ihn der Seegang ständig aus der Bahn, das Essen auf dem Tisch rutscht hin und her.

Richard Siedhoff am Klavier unterstrich die Komik durch ein rasendes Tempo und heitere Töne. Auch in der Liebesgeschichte, die sich zwischen Chaplin und einer Frau dort anzubahnen scheint, spielt die Musik eine tragende Rolle. Es braucht gar keine Worte um beispielsweise die Verzweiflung Chaplins im Restaurant zu verstehen, als er kein Geld hat, um das Essen für zwei zu bezahlen. Durch einen Trick, indem er das Trinkgeld eines anderen Gastes benutzt, gelingt ihm schließlich aber die Flucht nach draußen.

Nähe zu US-amerikanischen Liebeskomödien

Zwar sind die zahlreichen Stimmungen, die manchmal zwischen Hilflosigkeit, Überschwang und Komik schwanken, oft übertrieben dargestellt, dennoch sind sie auch heute noch dem Zuschauer bekannt. So auch die Thematik aus Buster Keatons Kurzfilm „Nachbarschaft im Clinch“ aus dem Jahr 1920. Buster und Virginia sind heftig ineinander verliebt. Sie leben in zwei Mietskasernen, deren Höfe aneinandergrenzen und nur durch einen Palisadenzaun getrennt sind. Durch ein Loch im Zaun lassen sie sich kleine Nachrichten zukommen, und bald steht fest: Sie wollen heiraten! Die jeweiligen Familien wollen davon aber nichts wissen und erst nach vielen Versuchen, Witz und Tempo finden die beiden zueinander. Da müssen sich schon mal drei Freunde auf den Schultern tragen, um eine Frau von einem Fenster zum gegenüberliegenden zu transportieren.

„Vielen fällt heute kaum mehr auf, dass die beiden Regisseure hier Meilensteine in der Grammatik des Films gelegt haben.“
Richard Siedhoff, Pianist

Wen erinnert das nicht an eine US-amerikanische Liebeskomödie aus dem 21. Jahrhundert? Inhaltlich sind diese dem Schwarz-Weiß-Film von Buster Keaton nicht unähnlich. Keaton stand im Gegensatz zu Chaplin bereits als Dreijähriger auf der Bühne und wurde von seinen Eltern mit in das Theatergeschehen einbezogen. Bald lernte er etwa auch, wie man hinfällt, ohne sich wehzutun. Später arbeitete er deshalb auch als Stuntman und Double in manch anderen Filmen – ein bewegtes Leben, wie auch seine Filme.

Das Tempo ist jedoch ein Indikator dieser Kurzfilme. Fallen viele der lustigen Szenen wohl unter „leichten Humor“, so wird dem Auge durch die kurze Aneinanderreihung von Sketchen viel abverlangt.

Stummfilm-Klassiker bei den Kultursonntagen in Burgkunstadt
So kennt man Charlie Chaplin: Tollpatschig und verzweifelt. Er gilt als Vorreiter des modernen Films. Foto: Corinna Tübel

„Vielen fällt heute kaum mehr auf, dass die beiden Regisseure hier Meilensteine in der Grammatik des Films gelegt haben“, erklärte der Pianist zwischendurch. „Zwar gibt es immer noch die nötigsten Zwischentitel, aber sie arbeiten schon sehr gut mit Anspielungen und Hinweisen auf bestimmte Hintergründe.“ Ohne große Worte zu verlieren erzählen sie eben doch mehr als nur fabelhafte Gags zu produzieren.

Richard Siedhoff merkte man die Begeisterung für dieses Genre an, auch in der Begleitung der beiden Folgefilme „Der Sündenbock“, in dem Keaton irrtümlich als Mörder verfolgt wurde, sowie in Chaplins „Das Pfandhaus.“ Die musikalischen Eigenkompositionen sind sehr stimmig.

Richard Siedhoff begleitete seit 2008 mehr als 300 Stummfilmklassiker mit Eigenkompositionen und konzipierten Improvisationen am Klavier und gilt als einer der gefragtesten Nachwuchstalente auf seinem Gebiet. Neben unzähligen kleinen Veranstaltungen gastiert er regelmäßig auf den Internationalen Stummfilmtagen Bonn, im Filmmuseum München, im Zeughaus Kino Berlin, in der Blackbox im Filmmuseum Düsseldorf und zahlreichen Stummfilmevents im In- und Ausland.

Folkmusik aus dem 18. Jahrhundert

Der nächste Kultursonntag findet am Sonntag, 15. März, um 17 Uhr statt: Spirit & Pleasure goes Folk. Präsentiert wird Folkmusik des 18. Jahrhunderts aus England, Irland und Schottland mit Christoph Mayer an der Barockvioline sowie Johanna Seitz an der Barockharfe.

Von Corinna Tübel

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