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WEISMAIN

Der Wanderschäfer muss sich mit Wetter arrangieren

Der Wanderschäfer muss sich mit Wetter arrangieren
Heinrich Maisel zeigte den Kinder in einer Becherlupe, was sich so alles auf einer Wiese tummelt. Foto: Corinna Tübel

Vom Großen Ochsenauge bis zur Waldgrille: Knapp 30 Kinder und Erwachsene, darunter längst nicht nur Eltern und Großeltern, folgen Heinrich Maisel im Auftrag der Umweltstation Weismain am Sonntag Nachmittag von der Kapelle Wohnsig aus durch Flur und Wiesen. Der hält immer wieder an und lässt Neugierige kleine Wiesentierchen in Becherlupengläsern bewundern. „Wir haben hier unglaublich blütenreiche Wiesen, das sieht man schon am Mittelstreifen auf den Wegen: Da wächst zum Beispiel Salbei“, erklärt er.

Auch auf Zeichen der Vergangenheit weist er auf dem Weg zum Treffpunkt mit dem Wanderschäfer heute hin: Der Gemeine Wacholder beispielsweise sei ein Zeichen dafür, dass die Wiese, auf der die Truppe gerade steht, früher stark beweidet worden ist: „Wacholder wächst nur da, wo keine anderen Gehölzer sind und das waren früher die Schafweiden.

Klimaschutz und Artenschutz

Der Weg führt außerdem an recht kahlen Stellen vorbei, die 2005 freigestellt wurden und nun beweidet werden. „Überall werden bewusst Bäume gepflanzt und hier wird abgeholzt?“, murmeln einige. Die Antwort liege in der Weidewirtschaft unter dem Aspekt des Artenschutzes: Ohne die Schafe, die seit Jahrhunderten das Bild der Landschaft prägen, gebe es auf den kargen Böden nicht so viele seltene Tier- und Pflanzenarten: Seltene Heuschrecken- oder Distelarten etwa, die wiederum wichtig für zahlreiche Insekten sind. Zudem sorgen die Schafe auch dafür, dass sich der Samen seltener Pflanzen über ihr Fell weiter verbreitet. Wie das Landschaftsbild so hat sich auch die Rolle des Schäfers verändert: „In meiner Kindheit habe ich selbst noch Wanderschäfer gesehen, aber viele Menschen haben heute gar keinen Bezug mehr zu ihnen“, erzählt Heinrich Maisel vom Landschaftspflegeverband. In unserer Region sind derzeit zwei Wanderschäfer unterwegs, das sei etwas Besonderes. „Für uns sind die Schafe und die Weidetierhaltung sehr wichtig.“

Wanderschäfer als Landschaftspfleger

Doch seitdem Wolle günstig aus Überseeländern kommt, Fleisch auch aus anderen Haltungsformen gewonnen werde und der Kunstdünger Einzug gehalten hat, brauchen die Schäfer die Subventionen durch die Beweidung der Flächen der Landschaftspflege. Das tut dem Anblick von Wanderschäfer Felix Steinhaben aber keinen Abbruch: Als wir nach einer Stunde auf der Weismainalb ankommen, sehen wir ihn schon von weitem auf dem Felsen: ein dünner Mann lehnt selbstbewusst auf seinem Schäferstock. Rund 1000 Schafe, hauptsächlich Merino-Landschafe, und ein paar Ziegen hütet Felix Steinhaben jeden Tag – sieben Tage in der Woche. Sein Arbeitstag starte um 6 Uhr und ende um 22 Uhr. Nachts ist die Herde an wechselnden Orten eingezäunt. Ihr Schäfer fährt jeden Tag zurück nach Neustadt an der Aisch, wo er mit seiner Familie wohnt und noch einer weiteren Arbeit nachgeht.

„Mit Romantik, wie es früher besungen wurde, hat das Wanderschäfer-Dasein gar nichts mehr zu tun“, erzählt er. Der Landkreis oder der Landschaftspflegeverband gebe die zu beweidenden Gebiete vor, derzeit im Gebiet von Lösau bis Köttel. An manchen Stellen wie etwa am Hühnerberg bei Kleinziegenfeld verweile man schon mal acht oder neun Tage am Stück, dann gehe es weiter – bei Wind und Wetter.

„Mit Romantik, wie es früher besungen wurde, hat das Wanderschäfer-Dasein gar nichts mehr zu tun.“
Felix Steinhaben, TWanderschäfer

Die Hitze und Trockenheit im Frühsommer hat in diesem Jahr viele Wiesen regelrecht verbrannt, doch Felix Steinhagen nimmt die Situation gelassen: „Letztes Jahr habe ich es schlimmer in Erinnerung. Derzeit geht es noch“, resümiert er. „Man muss eben reduzieren, sodass das Futter, das da ist, möglichst lange reicht.“ Wenn zudem kein Bach oder Rinnsal in der Nähe der Weide ist, muss der Wanderschäfer noch für Wasserfässer sorgen. Notfalls müsse man den Schafbestand reduzieren, aber das konnte er letztes Jahr auch noch vermeiden. „Ich habe Hoffnung und bin frohen Mutes, dass wir den Sommer gut überstehen.“

Ein Junge wollte wissen, welche Aufgaben die beiden Hunde haben, die die Herde zusammenhalten. Ältere interessierten sich für die Situation mit den Wölfen, die wohl kein Schäfer gern in seiner Nähe hat.

Am Schluss erlaubte der Wanderschäfer den Kindern sogar, die Schafe zu streicheln – doch die hatten anderes zu tun: fressen und sonnen an diesem warmen Tag. „Es gefällt mir hier, es ist so ruhig.“ Irene Kraus aus Burgkunstadt sitzt auf dem Felsen und blickt auf das muntere Treiben.

„Die Führung hat mein Sohn ausgesucht und da wir nicht viel von einem Schäfer wissen, sind mein Mann und ich mitgekommen. Ich habe diese Landschaft noch nie so gesehen.“ Ihr Sohn Manuel ist begeistert: „Ich finde es spannend zu sehen und zu wissen, woher das Fleisch oder die Wolle kommt, die wir verwerten.“

Der Wanderschäfer muss sich mit Wetter arrangieren
Wanderschäfer Felix Steinhagen berichtet von seiner Arbeit in der Natur.
Der Wanderschäfer muss sich mit Wetter arrangieren
Wanderschäfer Felix Steinhagen mit seinen Helfern. Foto: Corinna Tübel

Von Corinna Tübel

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