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BURGKUNSTADT

Abbruch in Burgkunstadt: Wo Jesuslatschen gefertigt wurden

Auf dem Hühnlein-Areal sind die Sanierungsarbeiten angelaufen; während die Villa, gleich gegenüber dem ersten Baur-Hochhaus, einer neuen Verwendung zugeführt wird,verschwinden viele der einstigen Geschäfts- und Produktionsräume der Schuhfabrik Hühnlein für immer aus dem Stadt-Bild von Burgkunstadt. Foto: Dieter Radziej

Die Abbrucharbeiten am Gebäude der ehemaligen Firma Hühnlein in Burgkunstadt haben begonnen. Damit verschwindet auch ein Stück der Geschichte der Schuhindustrie aus dem Stadtbild. In dem eleganten Gebäude am Schwarzen Graben hatte die Inhaberfamilie Mary und Otto Hühnlein ihre Produktionsstätten und ihre Wohnung. Auf dem Gelände werden barrierefreie Wohnungen errichtet.

Dieser Bereich der „Unteren Stadt“, insbesondere die Bahnhofstraße, hatte in der Entwicklung der Schuhindustrie in Burgkunstadt einen besonderen Stellenwert. Neben der Lichtenfelser- und der Kulmbach Straße siedelten sich hier einst die größten Schuhfabriken von „Klein-Pirmasens“, wie Burgkunstadt aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung genannt wurde, an. Namen wie Püls, Kreuch (vor allem in Altenkunstadt), Hühnlein, Büttner (in der Oberstadt), Pretzfelder & Riexinger sowie die Obermain AG sorgten über Jahrzehnte für Arbeitsplätze und Wohlstand. Die erste mechanische Schuhfabrik wurde 1888 eröffnet.

Vom Landhandel zur Fertigung von Markenschuhen

Einige der früheren Geschäftsgebäude sind in ihren Ursprüngen noch erhalten geblieben, wobei heute im Eingangsbereich von Burgkunstadt vom einstigen Firmenschriftzug (siehe historisches Bild) allerdings nur noch das Markenzeichen, ein „Hühnlein“, oberhalb der Pförtnerräumlichkeiten zu sehen ist. Foto: red

Die Firma Hühnlein & Co. hatte ihren Ursprung in Strössendorf, wo mit landwirtschaftlichen Produkten gehandelt wurde. Die Söhne Johann August und Otto Hühnlein, die eine Lehre in der Schuhfabrik Püls absolviert hatten, wagten 1919 den Schritt in die Selbständigkeit wagten. Im sogenannten Felsenbeckenhaus am Aufgang zur Lend eröffneten sie ihr Geschäft und nahmen neben dem eingeführten landwirtschaftlichen Sortiment auch Schuhmacherbedarfsartikel, Gerbrinde und Leder in das Sortiment auf. Da das Unternehmen florierte, entschlossen sich die Brüder dazu, an der Bahnhofsstraße ein Wohn- und Geschäftsgebäude zu errichten.

Ein harter Schlag war der Tod von Johann August Hühnlein am 26. April 1925 im Alter von 34 Jahren. Sein Bruder Otto, der Mary Schuh, die Schwester der späteren Versandhauschefin Kathi Baur geheiratet hatte, führte das Unternehmen alleine weiter. Bald stellte die Firma auch Hausschuhe und Schäfte für Maßschuhmacher her. Otto Hühnlein erweiterte das Unternehmen 1930 um eine Sohlenstanzerei und eine Schnellbesohlungsanstalt. Als Erfolgsmodell erwies sich die Sandalen-Fertigung, die in Anlehnung an biblische Darstellungen „Jesus-Latschen“ genannt wurden. 1938 betrug die Jahresproduktion bereits 1,2 Millionen Sandalen. Sogar in viele afrikanische Länder und bis an die Goldküste wurden sie exportiert.

Nach mehreren Erweiterungen des Firmenareals am Schwarzen Graben entschied sich Otto Hühnlein 1938, die leer stehenden Räume der einstigen Schuhfabrik Schonath & Behringer in Woffendorf zu erwerben und verlegte einen erheblichen Teil seiner Produktion dorthin. Dadurch war es möglich, die Fertigungskapazitäten weiter auszubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte dadurch die Produktpalette mit Herren- und Damenschuhen ergänzt werden. Marken wie „Passat“ und das Firmenlogo, in Anlehnung an den Namen der Inhaberfamilie ein Küken mit ausgebreiteten Flügeln, galten als Qualitätsmerkmal. Mit einem Neubau wurde das Werk in Woffendorf 1956/57 erweitert. Die Firma Hühnlein beschäftigte zeitweise bis zu 450 Mitarbeiter an beiden Standorten.

Auf dem Hühnlein-Areal sind die Sanierungsarbeiten angelaufen; während die Villa, gleich gegenüber dem ersten Baur-Hochhaus, einer neuen Verwendung zugeführt wird,verschwinden viele der einstigen Geschäfts- und Produktionsräume der Schuhfabrik Hühnlein für immer aus dem Stadt-Bild von Burgkunstadt Foto: Dieter Radziej

Bis zu 450 Mitarbeiter in Burgkunstadt und Woffendorf

Der Lohn- und Preisdruck, insbesondere durch Produkte aus dem Ausland, erschwerten allerdings die Geschäfte. So entschloss sich Otto Hühnlein, die Schuhfabrik am 30. Juni 1974 zu schließen, weil der 80-Jährig, keinen Nachfolger fand. Der einzige Sohn war 1944 bei einem Bombenangriff umgekommen.

Die Familien Hühnlein, Baur, Püls oder Riexinger haben über Jahrzehnte hinweg in der Schuhindustrie und dem Handel tausenden von Menschen Arbeit und Brot geboten und ihre Heimatstadt gefördert – sei es auf kulturellem Gebiet, im kirchlichen Bereich oder bei der Unterstützung der Vereine. Daher werden sie auch den folgenden Generationen sicher in guter Erinnerung bleiben.

 

Von Dieter Radziej

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