STAFFELSTEIN

Silbernes Lorbeerblatt zum Abschluss

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Mit Köpfchen kämpfen: Im Jahr 2001 stimmt Trainer Bernd Voigt (links) Carina Neupert auf die Kämpfe in Eichstätt ein.

Ju-Jutsu

(ter) Carina Neupert ist nervös. Vor Kämpfen hat die dreifache Ju-Jutsu-Weltmeisterin immer Lampenfieber. Doch diesmal wartet keine Gegnerin, sondern der Bundespräsident. Die 32-Jährige erhält zum Abschluss ihrer Karriere als erste Sportlerin des TSV Staffelstein das Silberne Lorbeerblatt - die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Leistungen in Deutschland.

„Das bedeutet mir sehr viel“, sagt Neupert vor der Ehrung am heutigen Freitag in Berlin. „Das ist eine tolle Honorierung meiner sportlichen Erfolge der vergangenen Jahre.“ Und sogar noch ein Stück mehr: Für die Ehrung sind nicht nur Medaillengewinne bei internationalen Großereignissen maßgebend, sondern auch „eine charakterlich vorbildliche Haltung ist unabdingbare Voraussetzung“ – heißt es auf der Internetseite des Bundespräsidenten.

Trainer „platzt vor Stolz“

„Das erfüllt sie auf jeden Fall“, sagt Bernd Voigt. Der Ju-Jutsu-Abteilungsleiter und Trainer beim TSV Staffelstein gerät ins Schwärmen, wenn er über Neupert spricht: „Sie hat eine Sportart in Deutschland über Jahre mitgeprägt. Sie ist ein Urviech auf der Matte, gleichzeitig aber auch eine Spaßnudel und stets bodenständig geblieben. Ich bin sehr froh, dass ich sie kenne. Und gerade platze ich vor Stolz.“ Die Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts sei für Neupert „eine wahninnige Ehre“ und für den TSV Staffelstein ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte.

Voigt kennt die Frauendorferin seit Oktober 1999. Damals war Neupert als Turnerin beim TSV aktiv und hatte sich für einen Selbstverteidigungs-Neulingskurs angemeldet. Auch, weil sie großer Fan von Kampfsport-Filmen wie „Karate Kid“ war. Sie wollte selbst zur Kämpferin werden. Und das Talent war sofort erkennbar. „Flexibilität, Kraft, Koordinationsfähigkeit, schnelle Auffassungsgabe – sie hat alles mitgebracht“, erzählt Voigt über Neuperts Anfänge im Ju-Jutsu.

Überredungskunst nötig

Doch er erinnert sich auch, dass die damals 14-Jährige die Show liebte. So unterhielt sie Trainingszuschauer, indem sie im Handstand durch die Halle lief. Ihr genügte es, wenn sie verdutzte Blicke erntete, weil sie wieder einmal im Training einem körperlich überlegenen Gegner Paroli geboten hatte. An Wettkampfsport war da noch nicht zu denken.

„Dazu musste ich sie ganz schön überreden“, sagt Voigt. Doch es gelang – 2001 startete Neupert bei einem Turnier in Eichstätt. Sie war unsicher, nervös. Voigt steuerte sie mit Zurufen: „Links! Zurück! Jetzt nach rechts ausweichen!“ Neupert habe die kurzen Kommandos hervorragend umgesetzt und von Kampf zu Kampf mehr Sicherheit gewonnen.

Der Ehrgeiz wuchs, genauso der Trainingsfleiß. Erfolge stellten sich ein. Neuperts Karriere ging steil nach oben: 2002 folgte die Berufung in den Bayerischen Landeskader, 2004 war sie im Bundeskader und seit 2006 ist sie Mitglied der deutschen A-Nationalmanschaft. Sie gehörte in der Gewichtsklasse bis 62 Kilogramm über Jahre hinweg zur Weltspitze.

Podestplätze in Serie

„Es waren schon viele Podestplätze“, sagt Neupert. „Wie viele genau, kann ich gar nicht sagen.“ Doch die wichtigsten Siege hat sie sofort parat: Weltmeisterin 2011, 2012 und 2014, erster Platz bei den World Combat Games 2013 sowie Europameisterin 2013 und 2015. Auch die Einzel-Bronzemedaille und das Teamgold bei den World Games 2017 in Breslau (Polen) haben einen großen Stellenwert.

„Diese Erfolge kann ich wohl nicht toppen. Ich könnte zwar noch viele Gegner besiegen, aber ich habe alles erreicht. Jetzt ist eben Schluss mit Wettkampfsport“, sagt Neupert. Gleichzeitig ist sie aber auch etwas wehmütig. Die Reisen zu Wettkämpfen – unter anderem war sie in Kolumbien und China –, die familiäre Atmosphäre bei Turnieren, der freundschaftliche und faire Umgang der Konkurrenten untereinander – das alles werde sie vermissen.

Familienfeier statt Training

Doch die mittlerweile in Frankfurt wohnende Physiotherapeutin wird auch die gewonnene Freizeit genießen. Nun ordnet sie nicht mehr alles dem Sport unter. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie neben dem Job bis zu 20 Stunden in der Woche trainierte und an den zahlreichen Wochenenden Wettkämpfe anstanden. Jetzt habe nicht mehr das Training, sondern die Familienfeier Vorrang.

„Ich freue mich darauf, nicht mehr trainieren zu müssen. Das mache ich jetzt nur, wenn ich Lust habe. Ganz werde ich mich von der genialsten Sportart der Welt nicht verabschieden.“ Neupert behält es sich vor, bei kleineren Wettkämpfen auf die Matte zurückzukehren.

Ihren letzten großen Auftritt auf nationaler Ebene hat die 32-Jährige am Freitag bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes. „Ich habe mir schon viele Gedanken gemacht, wie es wird, vor dem Bundespräsidenten zu stehen“, sagt Neupert. „Klar bin ich nervös. Ich weiß ja nicht genau, was mich erwartet. Ich weiß nur, dass ich danach feiern will.“

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Elf Jahre hatte sie auf Topniveau alles im Griff, jetzt beendet die dreifache Ju-Jutsu-Weltmeisterin Carina Neupert ...