HOCHSTADT

Vom Spiel mit Form und Farbe

Tobias Hohner in seinem Element: Mit Hilfe von Acrylfarbe, Pinsel und Klebeband entsteht im Keller ein neues Bild.

Tobias Hohner muss durch die „Speis'“, um in sein „Atelier“ zu kommen. Vorbei an Mehlpackungen und Nudeltüten geht es die Stufen in den Keller hinunter. Dort liegt auf zwei Holzböcken eine Leinwand. X-förmig bereiten sich gelb-braune Flächen darauf aus, dazwischen leuchtet es blau. „Das hab' ich gestern schon mal vorbereitet“, erklärt Tobias. Er braucht für ein Bild im Normalfall zwei Tage: am ersten das Fundament, am zweiten die Feinheiten und Fehlerkorrekturen. „Ich möchte noch ein bisschen Lila drin haben“, sagt der junge Maler und greift zum Klebeband. Das hilft bei den Konturen. Er grinst. „Wenn ich mit einem Bild fertig bin, liegt der Boden hier voll damit.“

Den Trick hat der Hochstadter aus dem Internet. Ein, zwei Youtube-Videos hat er sich angesehen, als er angefangen hat, sich mit Acrylfarben zu beschäftigen. Den Rest hat er sich selbst angeeignet. „Anfangs hab ich täglich gemalt, als es darum ging, zu lernen, wie man's macht. Ich hab mich sozusagen im Keller eingesperrt in den Ferien.“ Vor einem Jahr war das. Inzwischen ist er Mitglied im Kronacher Kunstverein und hat erste Bilder zu dessen Jahresausstellung im November und Dezember beigesteuert. „Und ich lerne nicht aus. Bei jedem Bild ist es neu und wieder anders.“

24 Jahre ist Tobias alt. Er sieht eigentlich nicht aus, wie man sich einen Künstler vorstellt, mit seinen breiten Schultern und kräftigen Armen. Und tatsächlich macht er gern Kraftsport. Aber er hat auch schon früh gemerkt, „dass da was da ist“, ein Talent fürs Zeichnen und Malen.

Zuerst nur mit dem Bleistift

Los ging es mit 13 Jahren, mit Comics vom „Super-Siggi“, Parodien von Lehrern, die auf dem Schulhof sehr begehrt waren, wie Tobias erzählt. Vier Folgen gab es insgesamt, die er – gegen Gebühr – verlieh. „Wie ein Geschäftsmann.“ Er schmunzelt. Dann zeigt er Bleistiftzeichnungen aus späteren Jahren, aus „meiner Depri-Phase“, wie er sagt. Ausdrucksstarke Gesichter, fein ausgearbeitet. Auf einem Blatt Anklänge an den fantastischen Realismus, wohl eher zufällig. Mit Vorbildern aus der Welt der Kunst hat er sich nicht groß auseinandergesetzt. „Ich verehre so ein bisschen David Lynch, auch wenn der ganz andere Bilder macht. Aber er macht Filme, schreibt, macht Musik, malt: Er ist ein Vorbild, weil er so viele Talente hat und die auch auslebt“, erklärt Tobias.

Als vielseitig empfindet er sich selbst auch. Der 24-Jährige studiert Germanistik und Anglistik in Bamberg. Schreiben, der kreative Umgang mit Worten, das ist sein zweites Hobby. Deshalb ist er auch als freier Journalist für das Obermain-Tagblatt im Einsatz. Mit der Sprache arbeiten: Darin sieht er auch seine berufliche Zukunft. Auf jeden Fall will er seine Kreativität ausspielen, will selbst etwas produzieren. Schreiben und Malen: „Das hängt für mich zusammen. Das ist zwar sehr unterschiedlich, aber doch beides sehr kreative Arbeit. Das In-Bildern-Denken, das braucht man auch fürs Schreiben.“

Das sind dann aber konkrete Bilder. Auf den Leinwänden spiegelt sich das nicht wider. Seit Tobias den Bleistift weggelegt und die Acrylfarben für sich entdeckt hat, malt er abstrakt. Es dominieren knallige Farben, Rot, Blau, Gelb, Grün, Diagonalen, der Gegensatz zwischen Linie und Fläche. „Das Wichtigste sind für mich die Formen und Farben, und es soll dreidimensional wirken“, erklärt der Autodidakt. Seine Bilder wirken dynamisch, voller Bewegung, das scheint den Betrachter richtig anzuspringen.

Farbe, Pinsel, Smartphone

„Ich habe großen Respekt vor realistischer Kunst, aber für mich ist das Handwerk. Ich kann mich so besser ausdrücken“, sagt der Student, bückt sich nach dem breiten Pinsel, drückt ihn im Wassereimer aus und wischt ihn kurz am Hosenbein ab. Wenn er in den Keller geht, schlüpft er in bequeme Trainingskleidung, die schon so manchen Farbspritzer abbekommen hat. Um ihn herum stehen und liegen Farbtuben, Plastikschalen und Pappbecher voller Farbkleckse, auch ein Messer, das zuerst zum Einsatz kommt, noch vor dem Pinsel. Auf der Staffelei hinter ihm steht ein fertiges Bild zum Trocknen, unter dem Fenster eine Werkbank voller Werkzeug. Mehr gibt's nicht in dem kargen Kellerraum, mehr braucht er nicht. Keine Anregung, auch nicht unbedingt Tageslicht. Aber das Smartphone.

Denn da ist Musik drauf gespeichert, und die ist wichtig. „Ich brauch' immer Musik beim Malen“, erzählt er. Was er hört – Rock, HipHop, Klassik –, entscheidet er spontan. „Ich lege auf, worauf ich Lust habe, und dann passiert was.

“ Heute wählt Tobias Hans Zimmer, Filmmusik aus „Inception“. Instrumental, sehr ruhig, entspannend. „Da steh ich total drauf, das berührt mich“, erklärt er. Also genau die richtige Musik für seine Arbeit, in der es ihm um Sinneseindrücke geht und darum, was für Gefühle sie bei ihm auslösen. „Ich höre oft die Frage, was ich damit ausdrücken will. Ich stelle dann die Gegenfrage: Was fühlst du, wenn du das siehst?“

„Das Wichtigste sind für mich die Formen und Farben, und es soll dreidimensional wirken.“
Tobias Hohner, Maler

Dem Vorsitzenden des Kronacher Kunstvereins jedenfalls haben seine Arbeiten gefallen. So kam er zu der Organisation und zur Ausstellung. „Das ist schon cool, wenn die Leute vorbeikommen und sich das anschauen“, sagt Tobias nach seiner ersten Vernissage mit vielen Besuchern, Stehempfang und allem, was so dazugehört. Besonders habe den Betrachtern sein Umgang mit den Farben gefallen. Allerdings, so bekam er zu hören, sollte er es mal mit größeren Leinwänden probieren, damit sie auch richtig zur Geltung kommen. Was er nun auch beherzigt.

Gelernt hat er auch, einen Preis festzusetzen für seine Bilder. „Da habe ich mich erstmals damit auseinandergesetzt, ob ich das überhaupt will.“ Mittlerweile ist er sich sicher, dass er sich von seinen Arbeiten hätte trennen können, wenn auch schweren Herzens. Bisher gab es keine Anfragen, was nicht so schlimm ist, soll das Hobby doch Hobby bleiben. Positive Resonanz hat der Maler trotzdem genug. Und auch Wünsche von Bekannten und Verwandten. Die erfüllt er gerne, zu Weihnachten oder Geburtstagen etwa.

„Die Ausstellung ist die Kirsche auf dem Eisbecher“, vergleicht der junge Mann. Eigentlich gehe es ihm um den kreativen Prozess: „Das macht mir einfach Spaß“. Aber den Austausch mit den anderen Mitgliedern, den hat er schon genossen. „Meine Bilder sollen natürlich jedem gefallen. Aber wenn Leute, die sich damit auskennen, sagen, das ist toll, dann ist das schon was Anderes.“ Und so plant er bereits für die nächste Schau. Einige Ausstellungsstücke sind schon fertig.

Mit 13 Jahren zeichnete Tobias seine ersten Comics. Der „Super-Siggi“ war auf dem Schulhof sehr begehrt.