LICHTENFELS

Vom Postkartenmotiv zum Abrissobjekt

Oberhalb des Besucher-Bergwerks wird die ehemalige Jugendherberge Stück für Stück abgerissen.

Silvio Ofzarek muss vorsichtig sein. Ganz langsam steuert er mit dem Joystick seines Kettenbaggers den Greifer an die dunkel verbretterte Außenwand. Ein prüfender Blick, dann frisst sich die stählerne Klaue in das Gemäuer. Es knarzt, knackt und kracht, als der Baggerarm anzieht. Der geballten Maschinenkraft hat die ehemalige Jugendherberge zwischen „Stadtgraben“ und „Zigeunergässchen“ nichts entgegenzusetzen.

Herbergsbücher erhalten

Bruno Vogler beobachtet den Abriss von der gegenüberliegenden Seite. „Die ehemalige städtische Jugendherberge wurde 1925 errichtet“, sagt der frühere Besitzer und zückt den Bauplan. Herbergseltern waren einst Adolf und Barbara Ankenbrand, in deren Familie sich sogar noch zwei Herbergsbücher erhalten haben. Ehe das Gelände in städtischen Besitz überging, gehörte es der Bürgerbräu.

„Die ehemalige

städtische Jugendherberge wurde 1925 errichtet.“

Bruno Vogler, Vorbesitzer

Während des Zweiten Weltkriegs waren in der Jugendherberge Zwangsarbeiter einquartiert, nach Ende des Kriegs lebten in ihr Heimatvertriebene in einfachsten Verhältnissen. „Danach stand das Gebäude über viele Jahre leer.“ Die Familie Vogler kaufte es 1962 und nutzte es zuletzt als Lagerstätte für die Schreinerei. Nun weicht die erste Jugendherberge der Kreisstadt, die sogar diverse Postkarten zierte und in der Herbergssuchende früher streng nach Geschlechtern getrennt wurden, einem neuen Wohnhaus.

Baggerführer Silvio Ofzarek wird auch in der kommenden Woche noch kräftig zu tun haben, denn mit dem Abriss alleine ist es nicht getan. „Fatal wäre es, wenn mir eine Außenwand den Hang hinunterkippt“, betont er. Genau unterhalb der einstigen Jugendherberge befinden sich die Eingänge zum städtischen Besucher-Bergwerk. Und das sandsteinerne Fundament macht die Abrissarbeiten nicht gerade einfacher.

„Interessant ist, dass die Jugendherberge 1925 aus verschiedensten Materialien errichtet wurde, die von anderen, zuvor abgebrochenen Gebäuden stammten“, erklärt Vogler. Deshalb waren beispielsweise alle Fenster unterschiedlich groß. Einige von ihnen waren richtig alt. „Die Fenster mit den barocken Beschlägen habe ich vor dem Abriss in Sicherheit gebracht.“

Material-Chaos vermeiden

Die Materialien verschiedener Art und Herkunft machen den Abriss nun besonders zeitintensiv: Sie müssen sorgfältig getrennt und später separat entsorgt werden, vor allem Dachpappe und Heraklit. „Deshalb kann ich auch nicht einfach alles einreißen, sondern muss Stück für Stück vorgehen“, so Ofzarek. „Ein Material-Chaos wäre fatal.“