Der verschwundene Knabe von Wallersberg

Vor langer Zeit wohnte eine fleißige Magd mit ihrem Söhnchen bei einem Bauern in Wallersberg. Es war gerade Sommer und die Ernte sollte eingeholt werden. Der Bauer und die Bäuerin, der Knecht und die Magd schickten sich an einem heißen Augusttag an, mit ihren Sensen und Sicheln aufs Feld zu gehen, um das Getreide zu schneiden. Um den Weg zum Acker abzukürzen, wählten sie einen schmalen Feldrain, der zwischen zwei Getreidefeldern lag.

Der Kornblumenstrauß

Der Bauer und der Knecht schritten schnell voran, während die Bäuerin und die Magd, der ihr fünfjähriges Knäblein gefolgt war, zwischen den hohen Getreidehalmen langsam vorankamen. Zumal der Kleine hin und wieder stehen blieb, um Kornblumen zu pflücken. Obwohl ihn die Mutter zur Eile aufforderte, blieb er immer wieder zurück. Er konnte nicht genug von den prächtigen blauen Blumen bekommen. Schließlich hatte er einen Strauß, den er mit einer Hand nicht mehr umspannen konnte.

Die Schnitter und die Schnitterinnen waren derweil am Acker angekommen. Die Bäuerin nahm nach altem Brauch ihre Sichel, strich dreimal über die hohen Kornähren und sagte laut: „In Gottes Namen“. Die Ernte konnte beginnen. Bauer und Knecht schwangen die Sensen und die Bäuerin legte die Getreidehalme in die bereit gelegten Bänder. Nur die sonst eifrige Magd wollte nicht mit dem „Raffeln“ beginnen. Sie vermisste ihren Jungen. Sie schaute immer wieder zurück, doch sie konnte ihn nicht entdecken. Unruhig geworden, rief sie den Namen des Knaben, doch sie bekam keine Antwort. Da wandte sie sich in ihrer Sorge an die Bäuerin. Nun liefen beide gemeinsam den Weg zurück. Der Knabe aber war nicht zu sehen. Schließlich suchten alle Wallersberger den Fünfjährigen; der Bub jedoch war und blieb verschwunden.

Erfolglose Suche nach dem Knaben

Jahre gingen ins Land. Im Dorf hat man oft von dem verschwundenen Knaben gesprochen. Nach genau zehn Jahren aber, als die Magd denselben Feldrain entlang ging wie damals, als sie ihr Kind verloren hatte, trat ihr an der Stelle, an der die meisten Kornblumen wuchsen, ein Jüngling entgegen. Es war ihr verschollener Bub. Auf die Frage der erschrockenen und doch überglücklichen Mutter, wie das alles zugegangen sei, erzählte ihr der Junge von einem seltsamen Erlebnis: „Als ich mit meinem Kornblumenstrauß zu dir laufen wollte, stand ich ganz plötzlich vor einem großen Felsentor. Unter diesem war ein Mann, der mir freundlich zuwinkte. Ich sollte es gut bei ihm haben, ich solle weder Hunger noch Durst leiden, solle alle Tage sechs Kreuzer bekommen und alle Jahre ein Paar Schuhe. Nur eines musste ich ihm versprechen, dass ich das Felsentor öffnen solle, sobald von der Kirche ein Leichenzug zum Friedhof geläutet werde. Auch dürfte ich mit den Vorbeigehenden nicht reden, noch ihnen nachsehen, wohin sie gingen.

Der Wächter des Felsentors

So bin ich geblieben und es ging mir gut. Da sind seither viele Bekannte von Wallersberg und Arnstein an mir vorübergegangen. Zuletzt gar der Herr Pfarrer. Da wollte ich doch schauen, wohin er gehen wollte und ich schaute ihm nach. Da sah ich eine große Stube, in der saßen alle die Bekannten, die ihm voraus gegangen waren und viele andere Leute, die ich nicht erkannte.

Am nächsten Tag kam der alte Mann mit trauriger Miene auf mich zu und kündigte mir den Dienst auf, denn ich hätte seine Gebote übertreten. Er gab mir den Kornblumenstrauß und eine Hand voll Geld und sagte, ich sollte dorthin ziehen, woher ich gekommen sei. Die Kornblumen hätten mir damals das Felsentor geöffnet, nun sollte ich mit ihnen wieder den Felsen berühren und der Weg ins Freie stünde mir offen.“

Die Rückkehr des Höllenbuben

So war der Junge, den die Wallersberger fortan den „Höllenbuben“ nannten, wieder zurückgekehrt. Aus dem Burschen ist ein verschlossener Mann geworden, der selten lachte, aber auch nie richtig traurig war.