BAD STAFFELSTEIN

Auf Entdeckungsreise im Museum

Sooo klein: Auf einem neuen Stadtplan markieren Gästeführerin Christine Liebel und Lotta die Umrisse Staffelsteins ...

Die große Bodenvase im chinesischen Stil gefällt Lotta am besten. Sie kniet sich davor auf den Boden, betrachtet genau die blau-rot-weiße Bemalung, zeigt Christine Liebl lebhaft plaudernd ein Detail nach dem anderen, verbiegt sich regelrecht, um auch die Rückseite begutachten zu können. „Da ist das gleiche Bild drauf. Der Künstler musste zwei Mal genau das gleiche malen. Das ist nicht einfach“, stellt sie fest.

Gästeführerin Christine Liebl lächelt. Dann zeigt sie dem Mädchen, dass Porzellanmaler nicht nur Porzellan verschönern können: Unter dem Modell der Orgel von Vierzehnheiligen im ersten Stock des Stadtmuseums lehnt ein Gemälde vom Brand der Basilika, geschaffen von einem der Mitarbeiter der Firma Alboth-Kaiser, heute Kaiser Porzellan. Lotta fällt gleich auf, dass das Gelände um die Wallfahrtskirche heute anders aussieht: „Da fehlen die Häuser, das Diözesanhaus zum Beispiel.“ Ein schwieriges Wort für eine Achtjährige. Aber nicht, wenn sie in Vierzehnheiligen wohnt.

Vermittlungsarbeit für jedes Alter

An diesem Freitag ist sie ins Bad Staffelsteiner Stadtmuseum gekommen, um an einer Führung für Kinder teilzunehmen. Ein Angebot, das es heuer erstmals gibt: Christine Liebl hat eine Fortbildung der Landesstelle für nichtstaatliche Museen und der KulturServiceStelle des Bezirks absolviert, die eine Einführung in die Museumspädagogik geboten hat. Es ging um Vermittlungsarbeit nicht nur bei Kindern, sondern in allen Altersklassen. „Man könnte zum Beispiel auch ins Altersheim gehen und dort vom Stadtmuseum erzählen“, veranschaulicht Christine Liebl.

Die Gästeführerin fängt jetzt aber bei den kleinen Besuchern an. An drei aufeinanderfolgenden Freitagen in den Sommerferien zeigt sie interessierten Kindern jeweils eine Abteilung des Stadtmuseums: Waren an diesem Freitag „Menschen unserer Stadt vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ Thema, so folgt am 18. August „Von Neandertalern, Kelten und Germanen“ und am 25. August „Der Dichter Viktor von Scheffel: vom ,Burn-Out‘ zur Lebenslust“.

Christine Liebl erzählt seit 2005 Interessenten Wissenswertes über die Badstadt, seit 2012 führt sie durchs Museum. Auch Schulklassen gehören zu ihren Zuhörern. „Bei den Stadtführungen habe ich gemerkt, dass die Kinder gern mehr vom Museum sehen würden“, erzählt sie. „Jetzt können wir es in Ruhe zusammen entdecken, ohne Druck.“

Ruhe hat sie an diesem Freitag, denn es ist nur ein Mädchen gekommen: die achtjährige Lotta aus Vierzehnheiligen. Für die Gästeführerin nicht schlimm – so kann sie sich voll auf die kleine Besucherin konzentrieren. Ein großes Konzept hat sie sich nicht überlegt. Sie will gemeinsam mit den Kindern auf Entdeckungsreise gehen. Als roter Faden dient die Frage, was das für Menschen waren, die früher in Staffelstein lebten: nicht nur Porzellanmaler, sondern auch Türmer, Bürgermeister, Bäcker, Metzger, der Magistrat, der Pfarrer, Krämer, Tuchmacher, Zimmermänner oder Fahnenträger. Auf ihre Spuren begibt sie sich in der Führung anhand der Exponate.

„Bei den Stadtführungen habe ich gemerkt, dass die Kinder gern mehr vom Museum sehen würden.“
Christine Liebl, Gästeführerin

In Lotta hat Christine Liebl eine eifrige Entdeckerin gefunden, eine, die genau hinschaut und auch schon einiges weiß. Natürlich fällt ihr in der Vitrine mit den religiösen Gegenständen zuerst der (hölzerne) Totenkopf des Einsiedlers Ivo Hennemann auf: „Der ist auf einem Buch, das man extra verschließen kann. Vielleicht steht was Geheimes drin“, vermutet das Mädchen. Dann zählt sie auf, was sie sonst noch sieht: Medaillen, Werkzeug zum Kerzen ziehen, ein Wallfahrtsbild. Und erzählt, dass sie selbst schon mitgelaufen ist bei der Kinderwallfahrt von Uetzing nach Gößweinstein. Auch die Klopfer und Ratschen kennt sie, gehört sie doch zu den Grundfelder Ratschenkindern.

Und vor zwei Jahren war sie eines der Mädchen, die beim Marktrechtspiel auf dem Altstadtfest auf dem Marktplatz tanzten. „Mein Kleid war braun, mit grün oben“, weiß sie noch. Jetzt steht sie vor der gerahmten Urkunde, mittels derer Kaiser Lothar III. Staffelstein das Marktrecht verlieh. 1130 war das, und die Urkunde bekam das Domkapitel in Bamberg, auch Georgsbrüder genannt. Kein Wunder, dass sich der heilige Georg auf dem Wappen der Stadt wiederfindet: Als Ritter, der über steinerne Stufen – beziehungsweise Staffeln – reitet. Was ein Siegel ist, braucht Christine Liebl nicht zu erklären. Das hat Lotta im Urlaub schon mal selbst fertigen dürfen.

Natürlich ist auch der Rechenmeister Adam Ries(e) ein Thema, der Stadtbrand von 1684, die große Fahne mit dem Bild des Kaisers Lothar III. darauf, die bei Umzügen mitgetragen wurde. Lotta darf ein Hufeisen in die Hand nehmen und auf einem Stadtplan einzeichnen, wo früher die mittelalterliche Stadt stand. Eine Laterne hat der Opa auch noch, aber keine aus Holz, wie sie im Stadtmuseum stehen. Das ist zu gefährlich, findet die Achtjährige, wenn die Kerze umfällt, kann sich die Lampe leicht entzünden.

Die Gästeführerin findet es spannend, mit Kindern das Haus neu zu entdecken, herauszufinden, was sie fasziniert, was sie interessiert. „Schauen wir mal, was ankommt“, sagt sie. Dann will sie ein Konzept erarbeiten, um künftig auch für Kindergeburtstagsfeste Nachmittage im Museum anbieten zu können.

Ferienprogramm

Gästeführerin Christine Liebl bietet jetzt in den Ferien noch zwei weitere kostenlose Kinderführungen an: am 18. August „Von Neandertalern, Kelten und Germanen (Stein, Bronze & Eisen)“ und am 25. August „Der Dichter Viktor von Scheffel: vom ,Burn-Out‘ zur Lebenslust (Wunderwelt: Erdgeschichte)“, jeweils um 10 Uhr im Stadtmuseum Bad Staffelstein. Eine Anmeldung während der Öffnungszeiten im Museum (Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr, Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr) wäre für die bessere Planung wünschenswert: Tel. (09573) 331030.
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