MAINROTH

Jedem Schüler seine Chance geben

Rosen sind eine Leidenschaft von Jürgen Vonbrunn aus Mainroth.

Beim morgendlichen Gang durch den Garten hat Jürgen Vonbrunn einen Strauß Pfingstrosen geschnitten, der jetzt den Esstisch schmückt. Daneben liegt das aufgeschlagene Obermain-Tagblatt. Nach seiner Verabschiedung als Leiter des Kulmbacher Schulamts genießt der Mainrother den Ruhestand sichtlich. „Als ich das Schreiben ans Kultusministerium abgeschickt hatte, merkte ich, wie der Druck abfiel und die Freude sich ausbreitete“, sagt der 65-Jährige. Den selbstbestimmten Tagesablauf, ohne Termindruck, schätzt er am Ruhestand besonders.

In die Vorfreude auf die Pensionierung mischte sich allerdings bald die Überlegung „Was verlierst du dadurch?“ berichtet er. Vor allem die Menschen werde er vermissen. Schließlich war er in den neun Jahren als Schulrat für 400 Lehrkräfte und 3500 Schüler zuständig. Da sind Bindungen entstanden. „Zu allen Lehrkräften und dem Führungspersonal hatte ich ein gutes Verhältnis – sie werden mir fehlen“.

Das beruht auf Gegenseitigkeit, wie nicht nur die herzliche Verabschiedung im Neudrossenfelder „Bräuwerk“ gezeigt hat, bei der ihm die Kollegen symbolisch ein Schlauchboot mit Reisegutscheinen als „Flaschenpost“ überreichten. Besonders bewegt haben ihn auch viele Begegnungen bei seiner „Abschiedstour“ durch die Schulen, für die er zuständig war. „Bleib halt da“, habe ein Knirps in der Grundschule in Burghaig gesagt, dem beim Abschiedslied ebenso wie dem Schulrat die Tränen in die Augen stiegen.

Einsatz für Schüler mit Problemen

Auch wenn er in den vergangenen neun Jahren in der Verwaltung tätig war, hatte der engagierte Pädagoge nicht nur die ihm unterstellten Lehrer, sondern vor allem auch die Schüler im Blick. Denn beim Wechsel ins Schulamt sei er dem „leichten Irrglauben“ aufgesessen, weiterhin die Schüler und Lehrer so betreuen zu können, wie als Rektor. Stattdessen habe er erfahren müssen, dass ein Schulrat nur noch mittelbar pädagogisch wirken könne, weil die Umsetzung der Vorgaben des Kultusministeriums im Vordergrund stehen: „Man hat es nicht mehr selbst in der Hand, kann nicht mehr direkt reagieren“. Das habe er sich durch viele Kontakte mit der Basis versucht zurückzuholen, etwa bei „Schultagen“ im Austausch mit Rektoren und Lehrern sowie Unterrichtsbesuchen.

Stolz sei er darauf, viele Probleme mit unterschiedlich denkenden Bürgermeistern und Organisationen am „runden Tisch“ gelöst zu haben. Bei den Verhandlungen habe ihm seine Erfahrung in der Kommunalpolitik geholfen. Ein schöner Erfolg war die Einrichtung von Kooperationsklassen zusammen mit der Rummelsberger Diakonie im Präventionsmodell „Kleine PrinZen“ für Grundschüler, die unter emotionalen und sozialen Einschränkungen leiden. Oder die Erhaltung von kleinen Schulen durch Bildung von Schulverbänden vor allem im östlichen Teil des Schulbezirks. Schulverbände und jahrgangskombinierte Klassen sieht Vonbrunn als Zukunftschance für Schulen im ländlichen Raum.

Vor diesem Problem stünden zunehmend auch Städte mit vielen kleinen Einrichtungen. In Kronach sei mit der Lucas-Cranach-Schule eine gute Lösung gefunden worden, die dank größerer Klassen und einem entsprechenden Lehrerbudget zahlreiche Arbeitsgruppen ermöglicht, ohne dass die Einrichtung deswegen ein Moloch geworden sei.

Gerade die Budgetierung war ihm als Schulrat ein Dorn im Auge: „Seit ich im Schuldienst bin, wird immer auf Kante genäht – das kann ich vielleicht in der Industrieproduktion machen, aber doch nicht mit Schülern, die ihre individuellen Bedürfnisse haben“.

„Ein guter Lehrer sollte in Kindern das Interesse

und die Freude am Lernen wecken und sie dadurch

in die Lage versetzen,

ihr Leben zu meistern.“

Jürgen Vonbrunn, Schulamtsdirektor im Ruhestand

So habe ihm die Klasseneinteilung angesichts fehlender Grund- und Mittelschullehrer in den vergangenen Jahren zunehmend schlaflose Nächte bereitet. „Jedes Jahr gehen 3500 Lehrer in den Ruhestand, aber es kommen nur 500 neue nach“, rechnet Vonbrunn vor. Hoffnung bieten Sondereinstellungen von nicht beschäftigten Realschul- und Gymnasiallehrern, doch bestehe die Gefahr, dass diese wieder abspringen, wenn der Bedarf durch die Rückkehr zum G 9 dort auch wieder steige. Zusätzliches Personal wäre auch für die Inklusion von Kindern mit Behinderung und die Integration von jugendlichen Flüchtlingen erforderlich.

„Ein guter Lehrer sollte in Kindern das Interesse und die Freude am Lernen wecken und sie dadurch in die Lage versetzen, ihr Leben zu meistern“, betont Vonbrunn. Er sollte „ein Berufener“ sein, der zu jedem Schüler sagen kann „Ich mag dich“. Und die Schule müsse es jedem Kind ermöglichen, entsprechend seinen Fähigkeiten seinen Weg zu machen. Gefährlich sei dagegen das reine Eintrichtern von Wissen oder „Bulimie–Lernen“, wie es früher oft praktiziert wurde, denn das erzeuge bei Kindern Schulangst. Starke Schüler könnten damit oft umgehen, die anderen erlitten seelische Verletzungen. „Schule ist doch kein Wühltisch, bei dem die Stärksten sich durchsetzen und die anderen sich mit dem abfinden müssen, was übrig bleibt“, betont der 65-Jährige.

Bedauerlich sei es daher, dass es im Schuljahr immer weniger Ruhezeiten gebe, die Raum für schöne Dinge wie einen Schulchor Musik- oder Theatergruppen bieten, meint Vonbrunn. Stattdessen gebe es ständig Neuerungen, Wettbewerbe und Tests. Das führe oft dazu, dass Schüler bereits kurz vor Weihnachten, wenn noch nicht einmal ein Drittel des Schuljahrs verstrichen ist, völlig erschöpft sind. Da gelte das Sprichwort „Wenn du eine Sau ständig wiegst, wird sie nicht fett, du musst sie füttern“. Statt ständiger Pisa-Tests und der darauf folgenden Flickschusterei wäre es sinnvoller, dort zu fördern, wo Schwächen sind und die Stärken weiter auszubauen. Das erfordere aber mehr Personal.

Eltern sollten mehr Vertrauen haben

Eine Belastung für viele Schüler sei auch familiärer Druck. „Ich würde mir wünschen, dass die Eltern mehr Vertrauen haben, dass ihr Kind gemäß seiner Begabung auch Erfolg haben kann, ohne eine weiterführende Schule zu besuchen“, erklärt der Pädagoge. Denn wer die Mittelschule durchlaufe, der stehe später im Beruf seinen Mann – als Handwerker ebenso wie als Banker. So sei er erschrocken, als er vor Jahren einen Grundschüler sah, dem die Mutter ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Abi 2017“ angezogen hatte.

Ganz werden die Schulen auf den pensionierten Schulrat auch künftig wohl nicht verzichten müssen: ehrenamtliche Einsätze im Rahmen der Aktiven Bürger könnte er sich vorstellen. Viel Zeit will er der Familie widmen, da seine Frau Rita noch zweieinhalb Jahre arbeiten muss. „Ich werde öfter kochen – sei es nun Saltimbocca oder Schweinebraten“. Gerne arbeitet er auch im idyllischen Garten der Familie – einem 1800 Quadratmeter großen Paradies mit vielen Bäumen, Rosen und Stauden vor der Kulisse des Kordigast. Endlich habe er mehr Zeit zum Tennisspielen, für Ausflüge mit dem Cabrio und Reisen. „Meine erste Bewährungsprobe als Pensionär habe ich schon bestanden: Babyklamotten für das jüngste Enkelkind im Discounter zu kaufen“, berichtet er. Die beiden Töchter werden sich freuen, wenn er sich öfter um die drei Enkel kümmert.

In die Politik will er nicht mehr

Eins stellt Vonbrunn aber klar: Aktiv in die Kommunalpolitik wird sich der frühere Kreis- und Stadtrat, der sogar mal bei der Bürgermeisterwahl in Burgkunstadt angetreten ist, nicht mehr einmischen. „Ich gebe gerne meinen Senf dazu, aber handeln sollen die Jüngeren“. So wie er es sich im Berufsleben zur Regel machte, keinen Job länger als zehn Jahre auszuüben, sollte auch in der Politik öfter ein Wechsel stattfinden, meint er. Am Herzen liege ihm jedoch die kommunale Zusammenarbeit – allerdings auf Augenhöhe. Hier sollte mehr das Miteinander im Vordergrund stehen und für jedes Nehmen auch ein Geben erfolgen. Dazu müsste man öfter mal über die Gemeindegrenzen hinausschauen und bei Projekten wie dem Lehrschwimmbecken akzeptieren, dass es in der Nachbarkommune stehe, wenn es dort günstiger zu verwirklichen wäre.

Jürgen Vonbrunn

Als Sohn eines Lehrers wurde Jürgen Vonbrunn am 2. Mai 1952 geboren. Die Familientradition setzt eine der Töchter als Lehrerin an einer Realschule in der Oberpfalz fort. Seit 1976 ist er Lehrer. Nach Anstellung an der Grundschule in Bad Staffelstein wechselte er ans Kronacher Schulzentrum. Jeweils acht Jahre war er Schulleiter an der Adam-Riese-Schule in Bad Staffelstein und an der Herzog-Otto-Schule in Lichtenfels. Seit 2008 war er Schulamtsdirektor in Kulmbach.